Sachsenring Automobilwerk Zwickau (AWZ)

Bundesarchiv, Bild 183-52061-0023 / Schmidt / CC-BY-SA 3.0
Bundesarchiv, Bild 183-52061-0023 / Schmidt / CC-BY-SA 3.0

Die Sachsenring-Geschichte geht direkt auf die Werke von Horch (bis zum Krieg berühmt für die Fertigung von Automobilen der Oberklasse) und Audi in Zwickau zurück. Horch wurde im Juni 1948 zusammen mit dem Rest der Auto Union nach Volksentscheid zwangsenteignet. Im gleichen Jahr wurde das Werk als VEB HORCH Kraftfahrzeug- und Motorenwerke Zwickau als Betrieb im Industrieverband Fahrzeugbau (IFA) wiedereröffnet. Zunächst wurden hier der LKW H3 und der Traktor RS01 gefertigt. 1954 begann die Fertigung des neu entwickelten IFA H3A.

Die Tradition der Luxuslimousinen versuchte das Horch-Werk mit dem P 240 „Sachsenring“ (bekannt als Horch „Sachsenring“) zu pflegen. Der Name des Fahrzeugs ging 1957 auf das Werk über, das sich von nun an VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerk Zwickau nannte. Parallel dazu wurde im VEB Automobilwerk Zwickau (AWZ) der Vorläufer des Trabant, der AWZ P70, produziert, an dem erste Erfahrungen mit Karosserieteilen aus Duroplast gesammelt werden konnten.

Beide Werke wurden am 1. Mai 1958 zum VEB Sachsenring Automobilwerke Zwickau zusammengefasst.

Geschichte

Trabant-Herstellung

1958 wurde die LKW-Produktion wurde an das Kraftfahrzeugwerk „Ernst Grube“ Werdau abgegeben. Im Werk 1 (Sachsenring) wurden von nun an die Bodengruppe und das Stahlskelett sowie die Getriebe des Trabant gefertigt. (FB = Fertigungsbereich 11 Pressenhalle zum Stanzen und Umformen der Blechteile, FB 2 Zusammensetzen der Karosserie, FB 6 Getriebebau) Im Werk 3 (AWZ) erfolgte die Fertigung der Duroplast-Karosserie und im Werk 2 FB 9 die Endmontage. Bis zu seinen ersten Metern aus eigener Kraft wurde der Trabant auf Tiefladern mehrere Kilometer zwischen den Werken I, II und III hin- und hergefahren.

In den nächsten Jahren gelang es, die Produktion stetig zu steigern und auch die Weiterentwicklung des Modells voranzutreiben. Die neue Karosserie des Trabant 601 im Jahr 1963 war jedoch die letzte erfolgreiche Neuentwicklung der Sachsenring-Entwicklungsabteilung. In den 1970ern und 1980ern wurde der Trabant nahezu unverändert gebaut.

 

Gehemmte Entwicklung

Nach dem Willen von Sachsenring wäre die Entwicklung des Trabant allerdings nahtlos fortgeführt worden. Bereits im Sommer 1962, gleich nach der Fertigstellung des P601, begann die Entwicklung des Typs P602. Neben einem verbesserten Fahrwerk sollte der Wagen mit einem auf 28 PS gesteigerten Motor ausgestattet werden. Die Entwicklung des 28-PS-Zweitakters schlug jedoch fehl. Gleichzeitig wurde von Sachsenring gefordert, Teile für AWE zu produzieren, um deren Anlauf des neuen Wartburg sicherzustellen. Das verbliebene Potenzial bei Sachsenring war zu schwach, und so wurde die Entwicklung 1964 eingestellt.

Am 30. Dezember 1966 wurde ein neuer Typ in Auftrag gegeben – der P603. Der Wagen erhielt eine Schrägheck-Karosserie, ähnlich der des späteren VW Golf I. Es wurden neun Funktionsmuster gebaut, die mit verschiedenen Motoren getestet wurden: dem Dreizylinder-Zweitaktmotor des Wartburg, einem Viertaktmotor von Škoda und einem neu entwickelten Wankelmotor. Das Projekt wurde trotz erfolgversprechender Ansätze im November 1968 auf Weisung von Günter Mittag abgebrochen und die Prototypen teilweise vernichtet, andere fuhren noch bis Ende der Achtziger-Jahre im öffentlichen Straßenverkehr.

Im Januar 1970 begann die Entwicklung der P760. Da ein komplett neu entwickeltes Fahrzeug für die DDR-Wirtschaft mittlerweile nahezu unmöglich geworden war, wurde der 760 als so genanntes RGW-Auto als Gemeinschaftsprojekt von Sachsenring, AWE und Škoda geplant. Teile der Elektrik sollten zudem aus Ungarn kommen. Die DDR zog sich im Herbst 1973 jedoch aus dem Projekt zurück; die Werke sollten die Entwicklung getrennt fortsetzen. In der Tschechoslowakei diente der P760 später als Grundlage für die Reihe 105-130 von Škoda, dem Vorläufer des Favorit.

In der DDR wurde das Projekt als P610 weitergeführt. Geplant war eine größere Variante als „Wartburg“ und eine kleinere als „Trabant“. Doch auch diese Entwicklung wurde eingestellt.

Hilfe aus dem Westen

Erst 1984 deutete sich ein Fortschritt an: Die IFA hatte von Volkswagen die Lizenz zum Bau des VW-Polo-Motors erworben, welcher ab 1988 in den Barkas-Werken in Serie gefertigt wurde. Gleichzeitig wurde die Weiterentwicklung des Trabant 1.1 vorangetrieben, der in dem neuen Sachsenring-Werk in Zwickau-Mosel gefertigt werden sollte. Von der Weiterentwicklung blieb jedoch aus wirtschaftlichen Gründen wenig übrig: Der VW-Polo-Motor wurde in ein Auto eingebaut, dessen Karosserie im Wesentlichen (abgesehen von der Motorhaube, dem Frontgrill, Stoßstangen, Heckleuchten und dem Kraftstoffbehälter) aus den 1960er Jahren stammte. Für den Kraftstoffbehälter wurde bis 1989 eine neue Halle mit vier Großpressen aus Italien, Waschmaschine, Bördelschweißanlagen und Farbgebungsanlage in Johanngeorgenstadt errichtet. Diese Investition (40 Mio. DDR-Mark) kam nicht zum Tragen. Das Politbüro mit dem DDR-Wirtschaftsexperten Günter Mittag vertrat die Meinung, wer die Vorgängerteile produziert habe, sei auch für den „Neuen“ verantwortlich.

Die Vorderachse des 1.1 war eine Konstruktion mit MacPherson-Federbeinen, Querlenkern und Stabilisator. Die Hinterachse hatte Schraubenfedern und entsprach der letzten überarbeiteten 601er-Serie. Lediglich die hinteren Radbremszylinder und Bremstrommeln (Lochkreisänderung, LK98 statt früher LK160) wurden verändert.

Die im Juli 1990 gegründete Sachsenring Automobilwerke GmbH versuchte noch ein Jahr lang erfolglos, den neuen Trabant 1.1 zu verkaufen – zuletzt für unter 6000 DM. Am 30. April 1991 endete die Fahrzeugproduktion bei Sachsenring. In das neue Werk in Zwickau-Mosel investierte Volkswagen kräftig und gründete hier später die Volkswagen Sachsen GmbH. Durch die Treuhandanstalt wurde bis Dezember 1993 der ehemalige VEB-Sachsenring abgewickelt und danach mehrfach erfolglos reprivatisiert.

 

Modelle

Bauzeit
Produzierte Fahrzeuge
Baureihe Anmerkung

Kleinwagen

1955–1959
36.151
P70 „Zwickau“ Bis 1958 bei AWZ als „AWZ P70 ‚Zwickau‘“ produziert. Der P70 war der erste Serien-PKW mit Kunststoffkarosserie. Die Bodengruppe war identisch mit der des DKW F8. Die Produktion wurde 1959 zugunsten des Trabants eingestellt.  
1957–1962
131.435
Trabant
(P50)
Bis 1958 als „AWZ P50 ‚Trabant‘“ produziert. Der P50 sollte der erste Großserien-PKW der DDR werden.  
1962–1965
106.007
Trabant 600
(P60)
Baugleich mit dem P50, jedoch größerer Motor (von 500 cm³/18 PS auf 600 cm³/23 PS). Die Kombiversion wurde noch zwei Jahre länger produziert, bis die Karosserie des „Trabant 601 universal“ fertig wurde.  
1964–1990
2.819.663
Trabant 601
(P601)
Bodengruppe und Motor baugleich mit dem P60, jedoch neue Karosserie in Trapezform, aber mit alten Türen und vorderen Kotflügeln. Später Leistungssteigerung (z. B. nadelgelagerte Kurbelwelle) auf 26 PS.  
1990–1991
38.994
Trabant 1.1 Verkaufsbezeichnung „IFA-Trabant 1.1“. Karosserie nahezu baugleich mit dem P 601, jedoch neue Motorhaube aus Stahlblech. Technische Verbesserungen am Fahrwerk auch wegen Verwendung des Viertakt-Lizenzmotors von Volkswagen.  

Oberklasse

1954–1959
1.382
P 240 Bis 1957 als Horch P 240 „Sachsenring“ im Markt. Motor: Reihen-Sechszylinder-Viertaktmotor (2.407 cm³, 80 PS),Gesamtlänge: 4.730 mm, Masse: 1480 kg, Radstand: 2.800 mm, Höchstgeschwindigkeit: 140 km/h[8]  
1969
5
Repräsentant Nach einem Auftrag der NVA erfolgte 1969 anlässlich des 20. Jahrestages der DDR der Bau von fünf Repräsentationsfahrzeugen auf Basis des P 240 mit zeitgemäßer Karosserie.  

Lastkraftwagen

1957–1958 H3S Als Überarbeitung des Horch des H3A war es der erste LKW, den die Sachsenring-Werke produzierten.
1959–1960 S4000
S4000-1
Der „S4000“ (S für Sachsenring) hatte 4,0 t Nutzlast. Er nutzte das gleiche Fahrerhaus wie der H3A/H3S und glich diesem so äußerlich. 1960 wurde die Fertigung in das Kraftfahrzeugwerk „Ernst Grube“ Werdau verlagert. Hier wurde der S4000 zum W50 (W für Werdau) weiterentwickelt. 1965 wurde die gesamte Produktion von Werdau nach Ludwigsfelde bei Berlin verlagert.  

 

 Weiteführende Hinweise

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